Ringvorlesung des Würzburger Altertumswissenschaftlichen Zentrums im Sommersemester 2017

ANATOLIEN ZWISCHEN OST UND WEST

Anatolien ist eine der vielfältigsten Kulturlandschaften des Altertums. Das anatolische Hochland erstreckt sich auf dem Gebiet der heutigen Türkei von der östlichen Ägäis bis weit in den Osten Vorderasiens bis hinein in die Regionen der modernen Staaten Armenien und Aserbaidschan. Im Norden und Süden eingefasst von den mächtigen Gebirgszügen des Pontischen Gebirges und des Taurus grenzt Anatolien im Westen an den Balkan und die ägäische Inselwelt, im Osten an den Kaukasus und Zentralasien. Nach Süden bestehen vielfältige Kontakte zu den Kulturen Mesopotamiens und des östlichen Mittelmeerraums, im Norden zu den anderen Anrainern des Schwarzen Meers.
Wegen seiner Lage an der Grenze zwischen Europa und Asien wird Anatolien oft als ‚Brückenland‘ angesprochen, dem eine zentrale Rolle im kulturellen Kontakt und Austausch zwischen Ost und West zukommt. Anatolien ist Schauplatz großer militärischer Kampagnen des Altertums, ob von Ost nach West wie bei den Feldzügen der Perserkönige oder von West nach Ost wie im Falle Alexanders. In den frühen Epochen des Altertums spielen Anatolien und die südöstlich angrenzenden Landschaften eine Schlüsselrolle in der Verbreitung von Ackerbau, Viehzucht und sesshafter Lebensweise (Neolithisierung).

Obwohl das anatolische Hochland von Niederschlägen begünstigt ist, stellt die raue Landschaft mit harten Wintern und hohen Gebirgszügen frühe Gesellschaften vor besondere Herausforderungen. Abseits von den Regionen der frühen Komplexität im Flusstal des Nil und im Schwemmland von Euphrat und Tigris gelegen etabliert sich in Anatolien mit dem Reich der Hethiter erst verhältnismäßig spät – und auch nur von verhältnismäßig kurzer Dauer – ein altorientalisches Territorialreich, dessen Einfluss weit über sein Kerngebiet hinausreicht. Für die Imperien der späteren Epochen – Assyrer, Babylonier, Perser, Griechen und Römer – liegen weite Teile Anatoliens in der Peripherie. Erst im Zuge der Umwälzungen in der Spätantike rücken Kleinasien und Anatolien wieder ins Zentrum mit Konstantinopel als Hauptstadt des oströmischen bzw. byzantinischen Reiches.

Die Ringvorlesung widmet sich Anatolien zwischen Ost und West, zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen Brückenland und Barriere. Sie beleuchtet diese Fragestellungen aus Sicht verschiedener Altertumswissenschaften, möchte dadurch aber auch im Sinne der bleibenden Bedeutung geographischer Bedingungen für die Struktur historischer Prozesse (longue durée) einen Beitrag zum Verständnis der Dynamik gegenwärtiger Entwicklungen in der Türkei und ihren Anrainerstaaten leisten.
Die Ringvorlesung spannt einen thematischen Bogen vom Neolithikum über die altorientalischen Epochen bis in die Spätantike. Methodisch nähert sie sich dem Thema sowohl aus archäologischer wie auch aus historischer und philologischer Sicht an. Für die Vorträge konnte ein internationales Feld von hochangesehenen Wissenschaftlern aus den Fächern der Vor- und Frühgeschichtlichen Archäologie, Vorderasiatischen Archäologie und Klassischen Archäologie sowie aus der Alten Geschichte und Vergleichenden historischen Sprachwissenschaft gewonnen werden.

Die Ringvorlesung richtet sich an Studierende, Kolleginnen und Kollegen, aber vor allem auch an ein breiteres Publikum.


Die Vorträge finden jeweils montags um 18.15 Uhr im Toscanasaal im Südflügel der Würzburger Residenz statt. Der Eintritt ist frei.
 

 


 

Montag, 8. Mai 2017

Prof. Dr. Andreas Schachner (DAI, Abteilung Istanbul)
Anatolien: eine Brücke zwischen den Kulturräumen Vorderasiens und Europas? Beispiele zum Spannungsfeld zwischen Geographie und Kulturgeschichte

Die Lage der Landmasse Kleinasiens an der Schnittstelle mehrerer Klimazonen führt in Verbindung mit einem sehr heterogenen topographischen Relief zu einer seltenen Vielfalt an Landschaftsformen. Der Mensch war bis in die frühe Neuzeit gezwungen, sich an diese wirtschaftlich, sozial und kulturell anzupassen. Daher zeichnen sich die Kulturlandschaft Anatoliens seit jeher durch ein Mosaik verschiedenster Lebensweisen aus. Die Entstehung und das Zusammenwirken dieser Vielfalt möchte ich anhand einiger Beispiele aus mehr als 10.000 Jahren Kulturgeschichte nachgehen und dabei die Bedeutung der geographischen Hintergründe für strukturelle Entwicklungen aufzeigen. Dabei wird deutlich, dass Anatolien weniger als Brücke zwischen den Regionen für die einfache Weitergabe von Entwicklungen zu sehen ist, sondern vielmehr äußere Entwicklungen aufnimmt, diese aufgrund eigenständiger Parameter weiterentwickelt und nur bisweilen an die Nachbarregionen  weitergibt. Kleinasien erscheint so als integraler Bestandteil der kulturgeschichtlichen Entwicklung des östlichen Mittelmeerraums und in manchen Epochen auch als einer der entscheidenden Impulsgeber.

 


 

Montag, 22. Mai 2017

Prof. Dr. Walter Ameling (Universität Köln)
Frühe christliche Gemeinden in Kleinasien: Das Zeugnis der Inschriften

Die Ausbreitung des Christentums ist eines der großen Themen der römischen Kaiserzeit, und Kleinasien ist der Teil des römischen Reiches, in dem wohl die meisten Christen lebten – jedenfalls in der Zeit, bevor Kaiser Konstantin die christliche Religion protegierte und das Leben der Christen erleichterte. Während der Theologe wohl eher etwas über den Glauben der verschiedenen christlichen Gruppen wissen möchte, geht es dem Historiker oft mehr um das Leben dieser Menschen – ein Thema, das unsere literarischen Quellen häufig nicht hinreichend würdigen. Der Vortrag möchte daher versuchen zu zeigen, was eine ganz andere Quellengattung, nämlich die (Grab-)Inschriften, über Christen in Kleinasien sagt. Grob gesagt wird es zwei Schwerpunkte geben: a) die Etablierung von Kriterien, nach denen Inschriften für die Frage nach dem frühen Christentum herangezogen werden können, b) die Auswertung der Inschriften, die den etablierten Kriterien entsprechen.

 


 

Montag, 12. Juni 2017

Dr. Oliver Hülden (ÖAI Wien)
Das vorhellenistische Lykien – eine anatolische Kulturlandschaft im Spannungsfeld zwischen Ost und West

Das vorhellenistische Lykien gilt gemeinhin als das Land der Gräber, Burgen und Dynasten. Wie kaum eine andere Region Anatoliens lässt es sich anhand seiner materiellen Kultur abgrenzen, obgleich es lange Zeit Einflüssen aus dem Westen, also aus dem griechischen Raum, wie dem Osten, also aus Persien, ausgesetzt gewesen ist. Die altertumswissenschaftliche Forschung hat diesen Einflüssen vor dem Hintergrund der Frage nach dem spezifisch Lykischen stets ein hohes Maß an Aufmerksamkeit geschenkt und tut dies bis heute. Der Vortrag nimmt anhand einer prägnanten Auswahl von Beispielen die lykische Kultur in den Blick und versucht dabei, das Eigene sowie die unterschiedliche Intensität der fremden Einflüsse im Kontext der historischen Entwicklungen zu beschreiben und zu erklären.

 


 

Montag 26. Juni 2017

Dr. Clemens Lichter (Badisches Landesmuseum, Schloss Karlsruhe)
Der weite Weg nach Westen: Die Ausbreitung der neolithischen Lebensweise in Anatolien

Der Vortrag beleuchtet den enormen Erkenntniszuwachs, der in den letzten Jahren bei der Erforschung des Neolithikums auf dem Gebiet der heutigen Türkei erzielt wurde. Ausgrabungen in den verschiedenen Regionen haben vielfältige Erscheinungsformen des Neolithikums offenbart. Vor dem Hintergrund des neu gewonnenen Bildes wird schließlich auch die Rolle Anatoliens bei der Ausbreitung der neolithischen Lebensweise nach Europa betrachtet.

 


 

Montag, 10. Juli 2017

Prof. Dr. Elisabeth Rieken (Universität Marburg)
Auf dem Weg von Ost nach West: Die Hymnen und Gebete der Hethiter

Der Vortrag beleuchtet den enormen Erkenntniszuwachs, der in den letzten Jahren bei der Erforschung des Neolithikums auf dem Gebiet der heutigen Türkei erzielt wurde. Ausgrabungen in den verschiedenen Regionen haben vielfältige Erscheinungsformen des Neolithikums offenbart. Vor dem Hintergrund des neu gewonnenen Bildes wird schließlich auch die Rolle Anatoliens bei der Ausbreitung der neolithischen Lebensweise nach Europa betrachtet.